An Ad
Lieber Ad
Nun bist du wirklich von uns gegangen. Als du mich angerufen hast, um mir zu sagen, dass
du Krebs hast, schon weit fortgeschritten, haben wir beide geweint. Dein Arzt hat gesagt, du
hättest nur mehr zwei bis drei Monate zu leben.
Ich habe es nicht geglaubt. Dachte, ein wenig länger wird es sicher sein. Immerhin hatte man mir auch nur bis maximal zwei Jahre attestiert und mir geht es noch immer gut.
Wir haben eine Abmachung getroffen. Derjenige von uns Beiden, der zuerst geht, holt den Anderen, wenn es so weit ist, ab. Ich hatte damals schon das leise Gefühl, dass leider du es sein wirst, der mich abholt.
Selbst wenn ich nicht gedacht habe, dass es bei dir so schnell geht. Eineinhalb Monate nur von deiner Diagnose an. Es ist so schwer zu glauben, dass es dich nun nicht mehr gibt.
Und es macht mich unendlich traurig!
Du warst mein 1. Gast am Campinplatz Ad. Unsere erste Begegnung werde ich nie vergessen.
Du wolltest Wäsche waschen und wir sind einander zufällig an der Ecke bei der Sonnenstraße über den Weg gelaufen. Ich kannte dich nicht. Aber du wusstest anscheinend, dass ich „die Schwiegertochter“ war.
Und hast mich gefragt, ob ich dir Geld für die Waschmaschine wechseln könnte. Konnte ich
und hab dir vier einzelne Euro Münzen in die Hand gedrückt. Du wolltest mir deine beiden Zwei-Euro Münzen geben, aber ich wollte sie nicht haben.
Da hast du mich lange still angeschaut und augenscheinlich nicht gewusst, was du von mir halten solltest. Das hast du mir dann auch deutlich gesagt, nämlich: „Du bist ein komisches Meisje…“ (Mädchen)
Das war der Beginn unserer Freundschaft. Die irgendwann eng genug geworden war, dass ich, sollten Hannes und ich einen dritten Versuch zu heiraten wagen, dich als meinen Trauzeugen auserkoren hatte. Du hast freudig zugesagt und ich wusste, dass ich niemals ohne dich an meiner Seite, heiraten würde.
Barbara hat mich zwei (oder drei?) Jahre später gefragt, ob ich dich wirklich als meinen Trauzeugen nehmen würde – sie hatte Sorge um dich, wusste, dass es dich verletzen würde,
wenn es nur leere Worte gewesen wären. Waren es nicht, wir haben nur noch immer nicht geheiratet ;)….auch wenn ich Barbara einmal angerufen hatte, damit sie dir heimlich einen Anzug in dein Urlaubsgepäck schmuggelt. In jenem Jahr hatten Hannes und ich nämlich (wieder mal) gedacht, wir würden einander heiraten. Am Strand, mit all unseren Gästen, ohne Vorankündigung, zur Überraschung Aller, das war unser Wunsch.
Schlussendlich haben wir es dann doch nicht auf die Reihe gebracht. Und eigentlich auch nicht mehr an‘s Heiraten gedacht.
Bis du mir (nach deinem Bedürfnis als Allererste) von deiner Erkrankung erzählt hast. Nach unserem Gespräch habe ich sofort ein WhatsApp an Hannes geschickt. Darin stand:
Wir heiraten! In der Mitte von Deutschland! Sobald als möglich! Liebe dich! Und Ad hat nur mehr ein paar Monate. Bussi.
Hannes hat mir ein Smiley zurückgeschickt und daraufhin habe ich Sjaak angerufen und ihn gefragt, ob er dich die eine Hälfte der Strecke, welche nach Österreich führt, fahren könnte, ich würde die andere Hälfte mit Hannes fahren und dann würde geheiratet.
Danach habe ich dich lieber Ad wieder angerufen und gefragt, ob es dir gut genug geht, um die lange Fahrt durchzustehen – und du hast verneint. Warst schon viel zu müde und ausgelaugt. Da wusste ich sicher, dass du lange vor mir gehst. Und dann wir haben über das Sterben gesprochen. Und unsere Abmachung getroffen.
Dem Hannes habe ich gleich anschließend wieder geschrieben und die Hochzeit abgesagt.
Jetzt steht es 2:2.
Sollten wir tatsächlich je heiraten Ad, dann bleibt ein Platz neben mir leer.
Zumindest wird es danach ausschauen, denn du wirst da sein, auch wenn ich dich nicht sehen kann.
Und nun ein Bussi auf deine Glatze, wie bei jeder unserer Begegnungen – wir sehen einander irgendwann (viel) später wieder. Dann, wenn du mich abholst.
Ruhe in Frieden lieber Ad – und unser herzliches Beileid an Barbara und deine Familie!
Deine Kerstin (mit Hannes und allen Anderwald-Generationen)
Schreibe einen Kommentar